09.06.2011   Alter: 6 yrs

Der Vorstand der DGS veröffentlicht eine Stellungnahme zum Thema Alkoholabhängigkeit und setzt sich für Entstigmatisierung dieser Krankheit ein.


Alkoholmissbrauch und –abhängigkeit – ein Stiefkind des Gesundheitssystems

In der gesamten menschlichen Kultur wurde und wird Alkohol gebraucht.
Berichte über schädliche Auswirkungen des Alkoholkonsums finden sich seit über 4.000 Jahren.
Auf der International Burden of Disease-Skala der WHO findet sich Alkohol auf Platz 2 – also vor Karzinomen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
In der BRD sind 3 – 4 % der Menschen alkoholabhängig, insgesamt konsumieren mindestens 9,5 Mio. Deutsche Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise.
Der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol stagniert seit Jahren auf hohem Niveau, Deutschland liegt beim Pro-Kopf-Konsum innerhalb Europas auf einem beschämenden dritten Platz.
Jährlich über 70.000 Todesfälle gehen auf das Konto des Alkoholkonsums. Die direkten Kosten für alkoholbezogene Krankheiten werden auf über 25 Mrd. Euro/Jahr geschätzt.
Über 50 % aller Gewaltdelikte werden unter Alkoholeinfluss verübt, bei jungen Männern ist Alkohol am Steuer nach wie vor die häufigste Unfallursache.
Bei Krankenhausbehandlungen in der BRD liegen Alkohol- und Alkoholfolgeerkrankungen an zweiter Stelle der gestellten Diagnosen.

Alkoholabhängigkeit ist eine häufige schwere Erkrankung mit chronischem Verlauf, die einer langfristigen niederschwelligen Behandlung bedarf.

Von der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit bis zur ersten Diagnosestellung vergehen im Durchschnitt 8 Jahre. Lediglich 3 % der Betroffenen werden in suchtspezifischen Einrichtungen behandelt; immerhin 70 % begeben sich vor allem unter dem Eindruck von Alkoholfolgeerkrankungen in hausärztliche Behandlung.

Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen nimmt in der Gesamtbevölkerung leicht ab. Allerdings gibt es eine Hochrisikogruppe, die exzessiv Alkohol konsumiert.
20 % der stationär behandelten Patienten im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, die auf der Suchtstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Leipzig behandelt werden, sind alkoholabhängig. Die Ursachen liegen oftmals in einer seelischen Entwicklungsstörung.


Seelisch kranke oder suchtmittelabhängige Eltern sind ein besonders hohes Risiko für die Entwicklung einer Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen. Mehr als jedes 3. Kind von den 2,65 Millionen Kindern alkoholabhängiger Eltern sind hochgradig gefährdet, selbst eine Abhängigkeit zu entwickeln. Frühe Interventionen sind in diesem Bereich unbedingt notwendig und auszubauen.


In den Krankenhäusern, aber auch allzu oft in den Praxen liegt der Fokus der Behandlung einseitig auf den somatischen Folgeerkrankungen. Der Alkohol als Ursache wird entweder nicht erkannt oder nicht in sinnvoller Form angesprochen.

Die Ursachen dafür sind vielfältig:

  • Verharmlosung der Gesellschaftsdroge Alkohol durch Behandler, Betroffene und Angehörige
  • Unkenntnis von Mechanismen der Suchtentwicklung und Behandlungsmöglichkeiten.
    Anstelle ausreichender Sachkenntnis werden Mythen, Vorurteile und irrationale Ängste kolportiert. Das Spektrum schwankt zwischen Verharmlosung und therapeutischem Nihilismus.
  • Der nach Hilfen für seine Patienten suchende Arzt steht einem zersplitterten, unübersichtlichen Hilfesystem gegenüber, das von Kommune zu Kommune erheblich differiert und schnelle unbürokratische Informationen und Hilfen erheblich erschwert.
  • Eine adäquate Bezahlung der zeitaufwendigen, aber unbedingt notwendigen langfristigen ambulanten Versorgung findet nicht statt.

Die DGS setzt sich daher ein für

  • Entstigmatisierung und Entmystifizierung der AlkoholabhängigkeitAnpassung der gesetzlichen Regelungen für eine wirkungsvolle Prävention
  • Anpassung der medizinischen Ausbildung an die Bedeutung des Krankheitsbildes:
    Implementierung von suchtmedizinischen Inhalten in Studium und Ausbildung, Förderungder spezifischen Weiterbildung niedergelassener Ärzte durch weitreichende Implementierung der Fachkunde Sucht und Festlegung von allgemein gültigen Qualitätskriterien
  • Förderung pragmatischer Forschungsansätze
  • Adäquate Vergütung der ambulanten Behandlung
  • Aufhebung der Zersplitterung der ambulanten Suchthilfesysteme durch unübersichtliche Vergütungsstrukturen und unterschiedlichste Kostenträger
  • Entstehung und Unterstützung fachübergreifender regionaler Behandlungsnetze
  • Förderung der Zusammenarbeit zwischen Fachpsychiatrie, somatischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten, Einbeziehung der lokalen Suchthilfeträger
  • Aufhebung der unsinnigen Trennung zwischen der Behandlung körperlicher Schäden, seelischer Probleme und Rehabilitation