13.07.2009   Alter: 8 yrs
Von: Dr. K. Behrendt

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin zur Berichterstattung über die Studie zur missbräuchlichen Verwendung von Substitutionsmitteln


Auf dem interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin in München wurden die Ergebnisse einer Studie zur missbräuchlichen Verwendung von Substitutionsmitteln in Deutschland vorgestellt.
Darüber hat die Süddeutsche Zeitung am 03.07.09 berichtet und Spiegel und Focus hatten sich schon im Vorwege mit diesem Thema befasst. Von dieser Zeitung und den Magazinen erwartet man einen eher kritischen und reflektierten Journalismus. Beim Lesen der Veröffentlichungen über diese Studie drängt sich hingegen der Eindruck auf, dass es hier vor allem um Stigmatisierung von Suchtkranken und ihren Behandlern ging. Dies zeigt sich schon in der Wortwahl, wenn nicht etwa die fachlich richtigen Begriffe Medikamente und Substitutionsmittel, sondern immer die typischen Reizworte, wie Ersatzdrogen, Trip, Stoff und Rauschgift benutzt werden. Aus den Studienergebnissen wird herausgelesen, dass der illegale Handel mit Ersatzdrogen zunehme und Süchtige immer häufiger zu Methadon und anderen Stoffen griffen. Daneben sind Schlampigkeiten zu finden, wenn etwa im Spiegel Substituierte und Substituierende verwechselt werden und in der Süddeutschen Zeitung der An‐teil von 9,3% Konsumenten, die nicht verschriebene Substitutionsmittel konsumieren auf 13,5% angehoben wird.
Eine der wesentlichen Grundlagen der Studie war eine Befragung von Menschen, die sich in der offenen Drogenszene aufhalten, also eine sogenannte Querschnittsuntersuchung bei den Menschen, die vom Problem der Drogenabhängigkeit mit allen seinen negativen Folgen sicher am härtesten betroffen sind. 45% der Befragten waren Substitutionspatienten, davon haben 46% einen Beigebrauch von Heroin angegeben, insgesamt weniger als in anderen Stu‐dien aus den Jahren 2002 und 2005. Trotzdem werden die Ergebnisse als „alarmierende“ und „überraschende“ Entwicklung verkauft verbunden mit nicht aus den Studienergebnissen begründbaren Schlussfolgerungen wie der im Spiegel, dass der Heroinkonsum „offenbar“ durch den Verkauf von Substitutionsmitteln finanziert werde. Schließlich wird noch ein Zusammenhang mit der im vergangenen Jahr angestiegenen Zahl der Drogentoten suggeriert im Widerspruch zu diesbezüglichen rechtsmedizinischen Untersuchungsergebnissen, die ausweisen, dass die Zahl der Substitutionsmittelassoziierten Drogentoten tendenziell sinkt.
Diese verfälschenden Bewertungen und Schlussfolgerungen in Verbindung mit Formulierungen, wie „superhipp“ oder „Drogentrip“ sollen bei den Lesern offenbar den Eindruck erzeugen oder besser gesagt erneut verstärken, hier würden haltlose gierige Drogenkonsu‐menten von Dealern in weiß darin unterstützt, sich ein schönes Leben zu machen.
Tatsächlich handelt es sich bei den Befragten um Schwerstkranke, die ihre schwierige Lebenssituation am Rande der Gesellschaft sicher nicht selbst verschuldet haben, was man bei der Beschäftigung mit ihren Lebensgeschichten sehr schnell erkennen kann.
Ihre Integration wird durch die maximale Reglementierung der Substitutionsbehandlung erheblich erschwert und in vielen Fällen verhindert.
Ärztinnen und Ärzte, die sich dieser marginalisierten und z.T. hochproblematischen Patientinnen und Patienten annehmen, werden häufig ebenfalls stigmatisiert und schon bei geringfügigen Verstößen gegen die Reglementierungen mit Regressen und strafrechtlichen Sanktionen belegt.
Auch aus ärztlicher Sicht ist es natürlich nicht akzeptabel, wenn verordnete Substitutionsmittel nicht eingenommen sondern verkauft werden. Es zeigt sich daran aber auch deutlich,
dass der entstandene Schwarzmarkt einen Behandlungsbedarf abdeckt, dem bisher nicht entsprochen werden kann, weil das Behandlungssystem offensichtlich immer noch defizitär ist. Dies ist eine sattsam bekannte Tatsache, die darauf zurückzuführen ist, dass die Weiterentwicklung des Behandlungssystems durch eben die Ängste und Vorurteile behindert wird, die hier wieder geschürt wurden, aber auch durch handfeste Interessen, wenn pragmatische Behandlungsmöglichkeiten, wie Mitgabe von Substitutionsmitteln aus der Arztpraxis durch die Apothekerfunktionäre aus Angst um ihr Dispensiermonopol verhindert werden.
Es nimmt nicht Wunder, wenn sich die Betroffenen, die mit den scharfen Regulierungen nicht zurecht kommen, dann über den Schwarzmarkt selbst versorgen. Sie kaufen dort Substitutionsmittel, um irgendwie ohne Heroin über die Runden zu kommen und nicht um ei‐nen Trip oder Flash zu erleben, weil das mit diesen Mitteln gar nicht möglich ist.
Die Ergebnisse der Studie sind nicht überraschend aber alarmierend, weil sie aufzeigen, dass das überreglementierte Behandlungssystem gerade für die am schwersten Betroffenen kein angemessenes Angebot ist, das niedrigschwellig und auf ihre Lebenssituation und ihre Bedürfnisse abgestimmt ist.
Die DGS würde es begrüßen und mit fachlichem Rat unterstützen, wenn Journalisten sich kritisch und vorurteilsfrei mit diesen Fragen befassen würden.

Hamburg, den 13.7.2009

Dr. K. Behrendt
1. Vorsitzender der DGS