dgs-info extra vom 24.05.2012

Liebe Leserinnen und Leser,

aus aktuellem Anlass senden wir Ihnen die aktuelle

 

Stellungnahme der DGS – Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin zur Presseerklärung von Dr.med. Ingomar Rempel, Generalsekretär des DSÄ - Dachverband der substituierenden Ärzte Deutschlands:

Wer heuchelt* – Kassenärztliche Vereinigung Hamburg oder Dachverband Substituierender Ärzte Deutschlands?

Zum dritten Mal nach dem tragischen Tod der 11jährigen Chantal in Hamburg hat sich der Generalsekretär des DSÄ, Dr. Ingomar Rempel (Kiel), öffentlich zur Substitutionsbehandlung in Hamburg geäußert. Rempel nimmt den Bericht des Hamburger Abendblatts über eine von Substitutionspatienten gestaltete Internet-Seite (www.methadonliste-hamburg.de) zum Anlass, schweres Geschütz gegen die Substitutionsbehandlung in Hamburg aufzufahren und Ärzteschaft, Kassenärztlicher Vereinigung (KV), Ärztekammer und Aufsichtsbehörden fortgesetzte und schwere Gesetzesbrüche anzulasten. (DSÄ, 18.5.2012, www.presseportal.de/pm/104786/2254807/suchtaerzte-verband-dsae-verurteilt-heuchelei-der-kv-hamburg-und-kritisiert-laxe-methadon-vergabe )

Die Vorwürfe Rempels, KV, Behörden und Senat wüssten von jahrzehntelangen Gesetzesbrüchen, grenzen an Verleumdung. Rempel begründet seine Aussagen mit den Inhalten einer Internetseite, die teils Patientenforum ist, teils kaum verhüllte Anleitungen zum Betrug an substituierenden Ärzten gibt.

Sich in seinen Aussagen auf diese Inhalte einer zweifelhaften Internetseite zu berufen, entbehrt jeglicher Sorgfalt, verstößt gegen die guten Sitten in der kollegialen Kritik und nutzt Chantals Tod durch eine Methadonvergiftung, sich selbst wichtig zu machen.

Chantals Tod kam durch eine Überdosis Methadon zustande, laut den vorliegenden Untersuchungsergebnissen lag keine regelmäßige Einnahme vor. Die Auswertung der näheren Umstände ergab eine Verkettung mangelnder Aufmerksamkeit und Aufsicht auf Seiten der Jugendhilfe. Gegen den die Pflegeeltern behandelnden Arzt wurde kein Strafverfahren eingeleitet.

Im Auftrag der Hamburger Bürgerschaft hat sich seit Februar d.J. ein Runder Tisch gebildet aus Vertretern und Vertreterinnen der Gesundheits- und Sozialbehörde, der KV, der Jugendämter, des Arbeitskreises Substitution der Ärztekammer und der PSB-Einrichtungen, die nach ausführlichen Diskussionen einen Kooperationsvertrag erarbeitet haben zum Umgang mit substituierten Eltern. Dieser Vertrag setzt auf enge Kooperation und wechselseitigen Informationsaustausch, Hilfen zur Erziehung, zeitlich nicht begrenzte psycho-soziale Begleitung, sichere Vergabe von Substitutionsmitteln und individuelle medizinische Behandlung.

Die Kontrolle der Substitutionsbehandlungen in Hamburg obliegt in berufsrechtlicher Hinsicht der Ärztekammer und hinsichtlich der medizinischen Behandlung der Qualitätskommission der KV Hamburg. Diese setzt sich aus Kolleginnen und Kollegen mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Substitutionsbehandlung zusammen, die Krankenkassen entsenden ebenfalls verantwortungsbewusste Vertreterinnen und Vertreter. Die Kommission kommt ihren Aufgaben bei hunderten von Behandlungskontrollen pro Jahr nach, ohne dass es je Zweifel an der Seriosität oder Gesetzestreue der Mitglieder gegeben hat.

Was Rempel als "Hamburger Modell" zu verleumden sucht, hat seit Ende der 1980er Jahre tausenden von Opiatabhängigen aus Hamburg und angrenzenden Bundesländern das Leben gerettet, hat zu einem deutlichen Rückgang der Todesfälle durch Überdosierung mit illegalen Drogen geführt, hat die HIV-Ansteckungsrate nahe Null gedrückt und die noch in den 1990er Jahren grassierende Beschaffungskriminalität auf eine kaum noch wahrnehmbare Größe gesenkt. Dazu beigetragen hat auch der Zugang zur Substitutionsbehandlung ohne Wartezeiten innerhalb von 24 Stunden und das Modellprojekt zur Abgabe von Diamorphin (Heroin) an Schwerstabhängige.

Die anfangs nur in Hamburg zugelassene Regelung, Substitutionspatienten in Apotheken ihr Medikament einnehmen lassen zu können, hat letztlich zu einer entsprechenden Regelung im deutschen Substitutionsrecht geführt. Damit haben Behörden, Gesetzliche Krankenversicherungen sowie Ärzte- und Apothekerschaft der Hansestadt einen Versorgungsmodus geschaffen, der gleichermaßen patientenfreundlich wie arzneimittelsicher ist.

Zeitgleich werden in Hamburg ca. 4.500 Menschen mit Substitutionsmedikamenten behandelt. Pro Jahr werden somit rund 1,6 Millionen Tagesdosen verordnet. Es ist eine Illusion zu glauben, in jedem einzelnen Fall könne ein Missbrauch verhindert werden. Das weiß auch der Kollege Rempel, in dessen Stadt Kiel es ebenfalls einen begrenzten Schwarzmarkt für Substitutionsmittel gibt. Die substituierende Ärzteschaft in Hamburg ist sich ihrer Verantwortung bei der Verordnung von Opioiden zur Substitutionsbehandlung sehr wohl bewusst - ihr zu unterstellen, seit Jahrzehnten gegen Gesetze zu verstoßen, ist rufschädigend und beleidigend.

Problematisch ist allerdings die laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesdrogenbeauftragten (Mai 2012, www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Service/Publikationen/Drogen_und_Suchtbericht_2011_110517_Drogenbeauftragte.pdf ) vergleichsweise hohe Zahl an Drogentoten in Hamburg, bei denen Methadon, Polamidon® oder Buprenorphin (Subutex®) beteiligt waren. Natürlich muss in Hamburg alles getan werden, den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen und Abhilfe zu schaffen.

Es fällt schwer, Rempels Beweggründe für die genannten Vorwürfe zu begreifen: Muss der Generalsekretär seinen Verein ins Gespräch bringen? Oder macht er einfach nur seinem Nachnamen alle Ehre - zu Lasten von Patientinnen und Patienten sowie ärztlicher Kolleginnen und Kollegen?

Die Erklärung für die ungewohnte Aktivität des Generalsekretärs liegt möglicherweise ganz woanders:

Bereits nach dem Tod Chantals hatte der DSÄ mit einer Pressemitteilung auf sich aufmerksam gemacht. In ihr hieß es: "Chantals tragischer Tod hat zu recht eine Debatte über Kinder- und Jugendschutz, Behördenversagen und Elternrechte ausgelöst - nicht aber über die Gefahren der Ersatzstoffe, die Heroinabhängigen verschrieben werden. Dabei könnten die tödlichen Risiken, die von Substitutionsmitteln für Menschen ausgehen können, die nicht an Opiate gewöhnt sind, minimiert oder gar verhindert werden.

(…) Die Ersatzstoffpräparate - so genannte Substitute - fallen auf Grund ihres Gefahrenpotenzials unter das Betäubungsmittelrecht. Methadon ist in der Bundesrepublik noch immer der meist verschriebene Ersatzstoff für Heroinsüchtige. Dabei gibt es alternative Substanzen, die die gleiche suchtstillende Wirkung haben, aber nicht zum Tod führen, wenn sie von Menschen eingenommen werden, die nicht an Opiate gewöhnt sind. Würden diese Substanzen häufiger eingesetzt, wären tödliche Unfälle wie der der kleinen Chantal vermeidbar.

Der Dachverband substituierender Ärzte Deutschlands e. V. sieht deshalb Handlungsbedarf und fordert, die Rahmenbedingungen der Substitution zu ändern. Aktuell bietet die gerade gestartete Sechsundzwanzigste Verordnung zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften dazu eine Gelegenheit, die die politisch Verantwortlichen nicht ungenutzt verstreichen lassen sollten. Im Interesse der substituierenden Ärzte, substituierter Patienten und deren Angehörigen müssen bestehende Gefahren zeitnah minimiert werden." (Dachverband substituierender Ärzte Deutschlands fordert: "Die Substitutionstherapie kann und muss sicherer werden!" (DSÄ, 23.03.2012, www.presseportal.de/pm/104786/2221948/drogenpolitik-dachverband-substituierender-aerzte-deutschlands-fordert-die-substitutionstherapie )

Und in einer weiteren Pressemitteilung vom 29.3.2012, die sich auf einen Vorfall in Kassel bezog, wo eine 29jährige Mutter ihrer vierjährigen Tochter Levomethadon (Polamidon) in einer Trinkflasche verabreicht haben soll, schlägt der DSÄ in die gleiche Kerbe: "Levomethadon (Polamidon®) ist ein für die Substitutionsbehandlung zugelassenes Opioid und wird ähnlich wie Methadon wegen seiner suchtstillenden Wirkung bei Heroinabhängigkeit eingesetzt. Für Menschen, die nicht an Opiate gewöhnt sind, kann der Ersatzstoff aber lebensgefährlich sein. Erst im Januar war in Hamburg die elf Jahre alte Chantal an einer tödlichen Dosis Methadon gestorben. Alternativ sind andere Ersatzstoffe gleichfalls zur Substitutionsbehandlung zugelassen, von denen keine lebensbedrohlichen Gefährdungen für Dritte ausgehen.

Nach Auffassung des DSÄ ließe sich ein Großteil der Gefahren, welche sich durch die sogenannte take home-Vergabe von Drogenersatzstoffen ergeben, durch geeignete gesetzgeberische Maßnahmen auflösen. Nämlich dann, wenn das besondere Gefahrenpotenzial der einzelnen zugelassenen Substitutionsmittel mit berücksichtigt wird." (Erneut Heroin-Ersatzstoff an Kind verabreicht - Dachverband substituierender Ärzte Deutschlands (DSÄ) kritisiert BMG wegen Untätigkeit, 29.03.2012, presseportal.de/meldung/2225586 )

DSÄ und Rempel folgen mit diesen Pressemitteilungen kaum verhohlen einem Vorschlag des Reinigungsmittelkonzerns Reckitt Benckiser (RB), der weltweit das Monopol für das Kombinationspräparat Buprenorphin-Naloxon (Suboxone®) hält. RB ist im vergangenen Jahr an die DGS - Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin herangetreten mit der Bitte, bei der anstehenden Novellierung der Betäubungsmittelregelungen (26.Änderungsverordnung) sich für eine weniger stark regulierte Verschreibungsfähigkeit gerade seines Produkts einzusetzen. Tatsächlich hat Suboxone® im Vergleich mit Methadon und Levomethadon (Polamidon®) ein geringeres Gefahrenpotential für Menschen, die nicht an Opiate gewöhnt sind. Die DGS - Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin hat sich aber gegen eine unterschiedliche rechtliche Klassifizierung von oral einzunehmenden Substitutionsmitteln ausgesprochen, weil diese nach ihrer Wirksamkeit, den Heroinhunger zuverlässig zu unterdrücken, verschrieben werden sollten und nicht nach ihrer gesetzlichen Regulierung. Suboxone® ist nach allen Erkenntnissen gegenüber den Methadonpräparaten schwächer wirksam (und eben nicht „gleich suchtstillend“, wie der DSÄ behauptet) und kommt nur für eine Minderheit der Opiatabhängigen infrage. Suboxone® aus den strengen Betäubungsmittelregelungen herauszunehmen, kann überdies geradewegs dazu führen, einen zusätzlichen Konsum von legalen oder illegalen Drogen zu befördern ("Beikonsum"). Jüngste Beobachtungen aus den USA lassen zudem an der Sicherheit von Buprenorphinpräparaten (Subutex® und Suboxone®) ernsthafte Zweifel aufkommen. (http://www.cesar.umd.edu/cesar/pubs/20120409%20Buprenorphine%20CESAR%20FAX.pdf )

Die Übereinstimmung der Argumentation des DSÄ und seines Generalsekretärs Rempel hinsichtlich zweier tödlicher bzw. fast tödlicher Vergiftungsfälle bei Kindern mit der Marktstrategie eines Herstellers für Substitutionsmittel ist hoffentlich nur zufällig.

 

Für den Vorstand der DGS – Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin

PD Dr.med. Markus Backmund, München (1.Vorsitzender der DGS - Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin)
Dr.med. Klaus Behrendt, Hamburg

23.5.2012

 

*heucheln: Heuchelei (Hypokrisie) bezeichnet ein moralisch negativ besetztes Verhalten, bei dem eine Person nach außen hin ein Bild von sich vermittelt, das nicht ihrem realen Selbst entspricht. Das zugrundeliegende Zeitwort heucheln stammt ursprünglich vom unterwürfigen ducken und kriechen (mittelhochdeutsch hüchen) des Hundes ab und wurde auf vorgespieltes, schmeichelndes Verhalten übertragen.

Der Philosoph und Theologe Friedrich Kirchner definierte 1907 Heuchelei als eine „aus selbstsüchtigen Interessen entspringende Verhüllung der wahren und Vorspiegelung einer falschen, in dem Betreffenden nicht vorhandenen lobenswerten Gesinnung.“ und führt auf, dass ein Heuchler besser erscheinen wolle, als er ist, „um Mächtigen zu gefallen“ und „davon Gewinn zu haben“. Vorgeheuchelt werden „politische, religiöse, ethische Grundsätze, um vorwärts zu kommen“, sei es aus Feigheit, des Broterwerbs oder der „Liebedienerei“ wegen.

de.wikipedia.org/wiki/Heuchelei

 

Auf der Homepage der DGS: DGS_Stellungnahme_DSÄ-Rempel.pdf

 

Die nächste reguläre Ausgabe erscheint Anfang Juni.

 

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen

dgs-info, Redaktion

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