dgs-info extra vom 04.07.2012 – Dritter Milzbrandfall aufgetreten – Mitteilung des RKI – Robert Koch Institut

Kontaminiertes Heroin über die Region Regensburg hinaus in Deutschland im Umlauf?

 

Liebe Leserinnen und Leser,

aus aktuellem Anlass senden wir Ihnen eine Mitteilung des RKI - Robert Koch Institut (Berlin) vom 12.06.2012 zu. Weiterführende Literatur und Hinweise auf Informationsquellen im Internet finden Sie im Anschluss an den Brief aus dem RKI:

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ein dritter aus Berlin berichteter Milzbrand-Verdachtsfall bei einer Person mit i.v.-Heroinkonsum ist nun laborbestätigt. Damit gibt es seit Anfang Juni 3 bestätigte Fälle von Milzbrand bei Heroinkonsumenten in verschiedenen Bundesländern.

Der dritte Fall stellte sich am 17.6.12 mit Symptomen von Hautmilzbrand (Nekrose (Eschar) im Bereich der Einstichstelle, massive Schwellung, Rötung, Thrombose) ärztlich vor. Symptombeginn war am 9.6.12. Die Symptome besserten sich unter antibiotischer Therapie.

Initiale Kulturen von nach Beginn der antibiotischen Therapie entnommenem Material waren negativ. Hingegen war die am RKI durchgeführte real-time-PCR einer Probe des nekrotisierten Ulcus positiv für alle getesteten Marker von Bacillus anthracis (pag (Virulenzplasmid pXO1), capB (Virulenzplasmid pXO2), chromosomale Marker dhp61 und rpoB). Eine gleichzeitig von dem Ulcusmaterial angelegte Kultur war negativ. Die am RKI durchgeführte Serologie (ELISA, Western blot) war wiederholt positiv für spezifische Antikörper gegen Anthraxtoxin (Protective Antigen (PA), Lethal Factor (LF)). Weitere serologische Untersuchungen sowie Versuche, B. anthracis-DNA aus den klinischen Proben zu typisieren, laufen derzeit (allerdings steht nur eine begrenzte DNA-Menge zur Verfügung).

Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass sich der Berliner Fall in Bayern aufgehalten oder Heroin aus Bayern konsumiert hat. Daher liegt die Vermutung nahe, dass kontaminiertes Heroin über die Region Regensburg hinaus in Deutschland im Umlauf ist.

Die Tatsache, dass die B. anthracis-Stämme, die bei den zwei 2012 aufgetretenen bayerischen Milzbrandfällen aus 2012 isoliert wurden, identisch bzw. zumindest sehr eng verwandt sind mit den Stämmen der deutschen und britischen Fälle aus 2009/2010, legt nahe, dass dieselbe Infektionsquelle noch aktiv sein könnte.

Das RKI wird die anderen EU-Mitgliedsstaaten und die Europäische Kommission über das Early Warning and Response System (EWRS), Drogenberatungs- und Drogentherapieeinrichtungen sowie die europäische Monitoringzentrale für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) über den Fall informieren und ihn gemäß der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) melden.

Wir weisen auf den aktualisierten Ratgeber für Ärzte zu Milzbrand hin sowie weitere neue bzw. aktualisierte Dokumente auf unserer Internetseite, die für den ÖGD bzw. behandelnde Kliniker im Zusammenhang mit Milzbrand hilfreich sein könnten:

www.rki.de/DE/Content/InfAZ/A/Anthrax/aktuell.html

www.rki.de/DE/Content/InfAZ/A/Anthrax/Anthrax.html

Ansprechpartnerin am RKI ist Frau Dr. Bernard (BernardH@rki.de, Tel. 030 18754 3173). Bei Fragen zur Diagnostik steht Herr PD Dr. Grunow vom Zentrum für Biologische Sicherheit (ZBS) 2 am RKI zur Verfügung (GrunowR@rki.de, Tel. 030 18754 2100).

 

Mit freundlichen Grüßen

i.A.

Dr. Ulrich Marcus

Robert Koch-Institut
Abteilung Infektionsepidemiologie
Postfach 650261
13302 Berlin
DGZ-Ring 1
13086 Berlin
Tel.: 030-18754 3467
Fax: 030-18754 3533
Mail: MarcusU@rki.de

Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit

Siehe auch

A case of septicaemic anthrax in an intravenous drug user.
Powell AG, Crozier JE, Hodgson H, Galloway DJ
BMC Infect Dis. 2011 Jan 20;11:21.
PMID: 21251266 [PubMed - indexed for MEDLINE]

www.biomedcentral.com/1471-2334/11/21

Anthrax infection in drug users.
Booth MG, Hood J, Brooks TJ, Hart A; Health Protection Scotland Anthrax Clinical Network.
Lancet. 2010 Apr 17;375(9723):1345-6. No abstract available.
PMID: 20399978 [PubMed - indexed for MEDLINE]

www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(10)60573-9/fulltext

An outbreak of infection with Bacillus anthracis in injecting drug users in Scotland.
Ramsay CN, Stirling A, Smith J, Hawkins G, Brooks T, Hood J, Penrice G, Browning LM, Ahmed S; NHS GGC; Scottish National Outbreak Control Teams.
Euro Surveill. 2010 Jan 14;15(2). pii: 19465. Erratum in: Euro Surveill. 2010;15(3). pii: 19469.
PMID: 20085694
[PubMed - indexed for MEDLINE]

www.eurosurveillance.org/ViewArticle.aspx

Regensburg – Berlin. Erneut Milzbrand bei Heroinkonsumenten
Im Raum Regensburg sind in den vergangenen zwei Wochen zwei intravenös injizierende (i.v.) Drogenkonsumenten am Milzbrand erkrankt. Einer verstarb noch am Tag der ärztlichen Vorstellung. Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermutet eine Kontamination von Heroin oder anderen Drogen mit Milzbrandsporen und ruft die Ärzte auf, bei der Behandlung von i.v.-Drogenkonsumenten differenzialdiagnostisch frühzeitig an Milzbrand zu denken. (aerzteblatt.de, 22.06.2012)

www.aerzteblatt.de/nachrichten/50618

Berlin. Milzbrand bei Drogenkonsumenten – Übersicht des RKI – Robert Koch Institut vom 22.06.2012

www.rki.de/DE/Content/InfAZ/A/Anthrax/aktuell.html

Eurosurveillance, Volume 17, Issue 26, 28 June 2012
Rapid communications
FATAL ANTHRAX INFECTION IN A HEROIN USER FROM SOUTHERN GERMANY, JUNE 2012
T Holzmann et al.

www.eurosurveillance.org/ViewArticle.aspx

 

Die nächste reguläre Ausgabe erscheint Anfang August.

 

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen

dgs-info, Redaktion

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