19. Jahreskongress, 2010

Informationen und Tagungsbeiträge

Nachstehend finden Sie allgemeine Informationen und ausgewählte Tagungsbeiträge zum 19. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin. Der Kongress fand vom 05. bis 07. November 2010 in Berlin zum Thema "Der gedopte Alltag - Sucht und Leistung" statt.

Kongressbericht

Der gedopte Alltag - Sucht und Leistung

Unter diesem Motto hat der 19. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) vom 5.-7. November 2010 in Berlin stattgefunden. Im Mittelpunkt standen die Themen Neuroenhancement, „Doping“ im Alltag und Leistungserbringung und Leistungserstattung. Insgesamt 435 Teilnehmern und Referenten besuchten den Kongress – ein Zeichen für das große Interesse am Themenkomplex.

Substitutionsbehandlung und Benzodiazepine

Im Vortrag „Langzeitverschreibung von Benzodiazepinen – zwei Seiten einer Medaille“ diskutierten Willi Unglaub (Bezirksklinikum Regensburg) und Jochen Brack (Gemeinschaftspraxis Suchtmedizin, Hamburg) den Umgang mit Benzodiazepinkonsum in der Substitutionsbehandlung. Den Risiken einer langfristigen Benzodiazepineinnahme, insbesondere hinsichtlich der Wechselwirkungen mit Substitutionsmitteln, wurde die Chance gegenübergestellt, komorbide psychiatrische Erkrankungen wie Angst- und Schlafstörungen wirksam behandeln zu können, und damit zugleich das Ausmaß an Beikonsum (Selbstmedikation) zu vermindern. Neben einer engmaschigen ärztlichen Überwachung sei jedoch unerlässlich, gemeinsam mit dem Patienten Therapieziele festzulegen und, sofern möglich, pharmakologische Alternativen zur Benzodiazepinbehandlung auszuschöpfen.

Opioidsubstitution

Konrad Cimander (Vorsitzender der Qualitätssicherungs-Kommission der KV Niedersachsen) beschrieb im Anschluss die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigung in der Opioidsubstitution. Obwohl von ärztlicher Seite die KV vorwiegend als „Kontrollorgan“ wahrgenommen werde, bestehe doch Einigkeit in den Forderungen, die Ärzte und KV gleichermaßen an den Gesetzgeber stellen. Diese bestünden im Wesentlichen in einer Entschärfung der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtmVV) sowie einer Zulassung substitutionswilliger Ärzte in „gesperrten“ Gebieten. Zudem müsse die Substitutionsbehandlung ein normaler Bestandteil der medizinischen Ausbildung und Behandlung werden.

„Doping“ im Alltag und Neuroenhancement

Im Abschlussvortrag des ersten Symposiums thematisierte Bengt Kayser (Universität Genf, Medizinische Fakultät) die Verschärfung der „Anti-Doping“-Politik im Umfeld des Hochleistungssports. Diese stoße zunehmend an ihre Grenzen, was sowohl die Diagnostik der Dopingsubtanzen als auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel betreffe. Hinsichtlich des „Dopings“ im Alltag trage diese Entwicklung zu einem übergroßen Vertrauen in die Wirksamkeit leistungssteigernder Medikamente bei, der Normalbürger gehe unkritisch davon aus, dass „Doping wirkt“. Alternativ sei ein weniger dogmatischer als vielmehr pragmatischer Ansatz zur Doping-Kontrolle denkbar, vergleichbar mit den Harm-reduction Ansätzen bei Suchterkrankungen.

Schwerpunkt des zweiten Kongresstages bildete das Hauptsymposium mit dem Thema „Der gedopte Alltag - Sucht und Leistung“. Zur Einführung in die Thematik warf der Sozialwissenschaftler und Autor Günter Amendt (Hamburg/Zürich) einen kritischen Blick auf „Die Pharmakologisierung des Alltags - Wie die Bereitschaft Körper und Seele chemisch zu stimulieren eine neue Drogenrealität schafft“. Diskutiert wurden gesellschaftliche Implikationen eines solchen „Trends“ zur Leistungssteigerung und die erhöhten Bereitschaft zur Einnahme unterschiedlichster pharmakologischer Substanzen.

Der Jurist und Rechtsphilosoph Reinhard Merkel (Hamburg) thematisierte rechtsethische Fragestellungen, Probleme und Grenzen, die durch die Entwicklung neuer Technologien zur mentalen Leistungssteigerung entstehen könnten. Die in seinem Vortrag anschaulich dargestellten „Zukunftsszenarien“ hatten zum Ziel, Fragen aufzuwerfen und Denkanstöße zu geben, auch was beispielsweise den Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit („Hirndoping nur für Reiche?“) oder eine mögliche staatliche Regulation des Neuroenhancements betrifft. Letztere lehnte Merkel entschieden ab und plädierte für ein stärkeres Vertrauen in die Selbstbestimmungsfähigkeit des Einzelnen.

Demgegenüber fasste die Referentin Maartje Schermer (Univerity Medical Center Rotterdam) anhand neuerer Befunde zu Substanzen wie Donepezil oder Modafinil zusammen, dass angesichts eines nur unzureichenden Belegs ihrer Wirksamkeit der Glaube an die Effektivität der bisher verfügbaren Substanzen zum jetzigen Zeitpunkt nicht gerechtfertigt scheint. Dennoch wurde betont, dass eine gesellschaftliche Debatte über den Nutzen des Neuroenhancements entstehen müsse, um einen kritischen Umgang damit zu ermöglichen. Es stehe die Frage im Vordergrund, ob Menschen angesichts steigender Leistungsansprüche und gesellschaftlichen Drucks noch die freie Wahl haben, ihren Körper mit einer Substanz zu stimulieren oder ob dies - vor dem Hintergrund einer Leistungsgesellschaft mit immer höheren Ansprüchen an Arbeitnehmer -  reglementiert sein müsse.

Den Abschluss des Hauptsymposiums bildete der Autor Jörg Auf dem Hövel (Hamburg) mit seinem Vortrag „Pillen für den besseren Menschen - Eine auch subjektive Sicht“. In seiner durch zahlreiche Selbstversuche untermauerten und zum Teil sehr amüsanten Bestandsaufnahme der bisher auf dem Markt vorhandenen Medikamente und Natursubstanzen zum Cognitive- und Neuroenhancement wurde die „subjektive Seite“ der Thematik eindrücklich dargestellt und bot einen kritischen und wissenschaftlich fundierten Einblick

Christoph Asmuth (TU Berlin) unterstrich am letzten Kongresstag abschließend die wesentliche Abgrenzung von „Therapie“ zu „Doping“ und „Enhancement“. Als kennzeichnend für den Begriff „Therapie“ gelte die Behandlung und Verminderung von Leiden bei erkrankten Menschen, während „Doping“ und „Enhancement“ auf Leistungssteigerung bei definitionsgemäß „gesunden“ Menschen abzielten, und aus ganz unterschiedlichen Motiven erfolgen könnten.

Weitere Programmschwerpunkte

Im Vortrag „Einsatzbedingte psychische Störungen bei Soldaten der Bundeswehr - Komorbidität mit Suchterkrankungen“ skizzierte Helge Höllmer vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg aktuelle Befunde zum Zusammenhang von einsatzbedingten psychischen Störungen (vor allem der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)) und Suchterkrankungen. Insbesondere das erhöhte Risiko junger Soldaten für alkoholbezogene Auffälligkeiten wurde angesprochen, wie auch der starke Anstieg einsatzbedingter PTBS-Fälle in der Bundeswehr in den letzten 5 Jahren. Der Vortrag „Behandlung der Schlafstörungen bei Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen“ von Geert Mayer (Schwalmstadt) bot einen Überblick über neuere Befunde zur Gabe von Quetiapin bei Insomnien, oder Melatonin zur Verbesserung der Schlafqualität während eines Benzodiazepinentzugs.

Ergänzt wurde das Programm durch mehrere Satellitensymposien zur Substitutionsbehandlung und Hepatitis-C-Therapie. Zudem stellte Hans-Ulrich Wittchen erste Ergebnisse der PREMOS-Studie (Predictors, Moderators and Outcomes of Substitution Treatment) vor. Weiterhin wurden insgesamt 17 Arbeitskreise angeboten, die ein breites Spektrum suchtmedizinisch relevanter Themen umfassten, auch in Form praktischer Kurse. Das den Kongress begleitende ArzthelferInnenseminar war ausgebucht. Im Rahmen dieses zweitägigen, spezifischen Praxistrainings von und für ArzthelferInnen wurde der Umgang mit schwierigen Situationen und „Problemgruppen“, sowie rechtliche Fragen thematisiert. Die Posterausstellung, die wie jedes Jahr von einer Preisverleihung begleitet wurde, fand einen stetig steigenden Zuspruch. Den ersten Preis erhielt das Projekt von Dirk Schäffer (Deutsche Aidshilfe, Berlin) „Szenenahe HIV-Schnelltests für Drogenkonsumenten in niedrigschwelligen Einrichtungen – TEST IT“.

Die Rückmeldung der Kongressteilnehmer wie auch der Referenten war insgesamt sehr positiv. Dies betraf sowohl die Zusammenstellung der Themen und Vorträge als auch die verlässliche und kompetente (technische) Organisation und Planung. Der Themenschwerpunkt „Sucht und Leistung“ traf auf positives Feedback; es sei gelungen, sich eines neuen und aktuellen Themas anzunehmen und dessen Bedeutung für die Suchtmedizin herauszustellen. Hervorzuheben ist die ausgesprochen gute und freundliche Atmosphäre auf dem nun mittlerweile 19. Kongress der DGS. Wir freuen uns auf die 20. ‚Jubiläumsausgabe’ im November diesen Jahres.

 

Dirk Gansefort, Christiane Schmidt, ZIS Hamburg

Programmheft 2010

Abstractband DGS 2010

Vorträge 2010

  • Asmuth_DGS_2010.pdfDoping, Enhancement, Therapie: Wie lassen sich verschiedene Formen der Leistungssteigerung unterscheiden
  • Mayer-DGS_2010.pdfBehandlung der Schlafstörung bei Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen

Poster DGS 2010

  • Poster_PERMIT_DGS_2010.pdfDie PERMIT-Studie (Psychoeducation reaches HCV-infected Methadone/Buprenorphine substituted Patients in Standard Antiviral Treatment)
  • Poster_Stanek_DGS_2010.pdfStationäre Behandlung bei Comorbidität von emotional- instabiler Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp