18. Jahreskongress, 2009

DGS-Kongressbericht: Rausch als Teil des Lebens, 06.-08.11.2009, Berlin

In diesem Jahr waren es 393 Kongressteilnehmer, die in Berlin dabei waren.

Die drei Hauptsymposien fanden zu den Schwerpunkten Recht und Substitution, Rausch aus rechtlicher, psychiatrischer und medizinischer Sichtweise und spezifischen Aspekten der Substitutionsbehandlung statt.

Herr Terpe, Abgeordneter der Grünen/Bündnis 90, eröffnete den Kongress. Er fasste knapp zusammen, was jeder Mitarbeiter in der Suchttherapie weiß. Bei unaufgeregter Betrachtung sind die Rahmenbedingungen der Suchtbehandlung durchaus als diskriminierend anzusehen, besonders die Gängelung durch den Dschungel der Gesetze im Bereich der Substitution. Als wesentliche Entwicklungsbereiche sind Finanzen, Behandlung und Prävention zu sehen. Grundsätzlich ist Rausch nicht ‚aus zu treiben’, er gehört zum Leben und bedarf der Integration. Der heutige Umgang mit Sucht als Krankheit und die Auflagen in der Behandlung weisen auf die gesellschaftliche Doppelmoral. Er wünschte Glück für den Kongress und gutes Gelingen.

Eines der Haupthemen diente der Darstellung der rechtlichen Grundlagen und deren Umsetzung. Das Forum Substitution und Recht-500 Fragen (http://www.500fragen.de/) und einige Antworten wird auch weiter für jeden zugänglich sein. Die reichhaltige Materialsammlung zeigt zum einen die Notwendigkeit der Diskussion, aber auch die Unzulänglichkeiten in heutigen Procedere.

Das Forum ist jetzt auch auf der Internetpräsenz der DGS (http://www.dgsuchtmedizin.de/) zu erreichen, um einen besseren Informationsaustauch der Substitutionsärzte untereinander - auch in verschiedenen Bundesländern mit verschiedenen Ausgangslagen – zu unterstützen. Unter den besonderen Umständen der Niedersachsen KV muss noch mal auf die jetzige Situation der BtmVV mit allen Konsequenzen für den medizinischen Alltag hingewiesen werden.

Rechtliche Rahmenbedingungen müssen akribisch beachtet werden, auch in der Gesellschaft können wir keine anderen Überlegungen anstellen. Die Neuordnung zum 1.7.09 der BtmVV bestätigt, dass eine Mitgabe aus den Praxen nicht möglich ist. Der Apotheker hat das alleinige Dispensierrecht, Verknüpfungen sind denkbar. Die Buchstaben A;S;N(Notfall) und Z (für Zusatzverordnung 2 Tage Apotheken-Mitgabe) müssen auf dem Rezept vermerkt sein.

Die Heroin-Substitution ist zwar seit Mitte des Jahres per Gesetz ermöglicht worden, aber es sind noch Ausführungsbestimmungen der einzelnen Länder zu erwarten. In NRW z.B. werden z. Zt. diese Vorgaben überprüft und an einer Umsetzung wird gearbeitet. Jedes Bundesland erlässt eigene Richtlinien, die Regelung der Verschreibung von Heroin ist gerade möglich geworden. Am Sonntag stellte Herr Prof.Haasen die offizielle Rezeptur vor, bis jetzt musste das Heroin von der Firma direkt bezogen werden.

Herr Neskovic, ehemaliger Richter aus Lübeck und jetzt im Bundestag als Abgeordneter der Linken hat das jetzige Kongress Thema einst postuliert. Er zeigte in deutlichen Worten die Probleme auf: das Drogenelend ist das Elend der Drogenpolitik. Die Prohibitionspolitik ist gescheitert, politische Macht und politische Vernunft gehen in diesem Thema nicht zusammen. Z. Zt. ist keine umfassende Lösung in Sicht, nur eine Schadensminimierung.

Im Einzelnen:

  1. Es werden weiche und harte Drogen in einen Topf geworfen. Immer noch wird Haschisch als Einstiegsdroge bezeichnet, obwohl sich dies allgemein nicht erhärten lässt. Eine medizinisch sinnvolle Verwendung von Opiaten, z.B. in der Schmerztherapie wird wegen dieser Konnotation erschwert.
  2. Es ist immer noch ein Tabu, das Recht auf Rausch anzuerkennen wie andere Grundrechte auf Ernährung, Wohnung und Sexualität. Das Abstinenzparadigma ist inhuman und anmaßend. Es ist legitim, die drogenfreie Gesellschaft durch Prävention zu fördern, aber das Mittel des Strafrechts ist – besonders als erste Maßnahme –kontraproduktiv und unwirksam. Nur ca. 5% der Drogen werden überhaupt gefunden, es gibt kein Gefängnis ohne Drogen. 2007 hat es 48 000 Verurteilungen wegen Drogen gegeben, davon 1500 mit einem Strafmaß von mehr als 6 Monaten.
  3. Selbstschädigung kann nicht durch Strafe verfolgt werden. Der Konsum von Heroin ist straffrei, aber der Erwerb nicht. So wird der Vorgang faktisch unter Strafe gestellt, Opfer und Täter sind eine Person. Dritte werden nicht geschädigt, fremde Rechtsgüter nicht verletzt. Weiter ist die Doppelmoral des erlaubten Konsums von Alkohol und THC Konsum und des Verbots von Heroin und anderen Drogen offensichtlich, aber nicht lösbar. Die kleinen Mengen zum Eigenkonsum sind nicht definiert. Das Strafrecht und die Kriminalisierung verkommt zum Mittel der Gesundheitspolitik

Daraus ergeben sich einige Forderungen:

  1. Entkriminalisierung von Drogenkranken
  2. keine Bestrafung von Eigenkonsum
  3. Legalisierung weicher Drogen, z.B. freie Abgabe über Apotheken
  4. Staatlich kontrollierte Abgabe von harten Drogen( Heroin)

Die Vorteile wären:

  • Enteignung der Drogenmafia
  • Reduzierung der Beschaffungskriminalität
  • Pharmakologische Sicherheit der Substanzen mit geringerer Gefahr der Überdosierung

Im Weiteren wurden die Aspekte des berauschten und unberauschten Bewußtseins von Herrn Passie erläutert. Über die Einflüsse auf unsere Modulation des Erlebens, die Gegenüberstellung von Naturkräften und Christentum, Arbeitsgedächnis mit moralischer Bewertung und den verschiedenen Rauschformen u.a. mit dem Ziel der Bewusstseinserweiterung spannte er den Bogen bis zu funktionalen Abläufen im zentralen Nervensystem. In einem Matrix Modell sind verschiedene psychische Zustände als Auslöser für z.B. Stimulantien denkbar. Mit den heutigen technischen Methoden lassen sich viele Drogen zu Aktivierung in bestimmten Hirnarealen zuordnen und deren Wirkung gut untersuchen und beschreiben. Auch Folgezustände wie hormonelle Dysregulationen sind erkannt. Dennoch ist unser Verhältnis zum Rausch ein historisches. In der Zivilisationsgeschichte wird es weites gehend ausgegrenzt. Die Würdigung des Rausches als Inspiration oder Heroin als Pharmakon steht noch aus.

Die „heilende“ Funktion des Rausches wurde von Herrn Schäfer dargestellt. Das große Thema der Traumatisierung des Menschen, besonders in der Kindheit, durch Krieg sowie Gewalt im Alltag und im Vergleich von Nicht-Suchtkranken zu Suchtkranken zeigte er Zahlenmaterial auf. Die posttraumatische Belastungsstörung wird durch Substanzwahl nach Wirkprofil selbst behandelt. Die Exposition als Therapie kann das craving mindern, am Beispiel der Alkoholkrankheit. Das Trauma ist der Schlüssel um sichere Copingstrategien zu entwickeln.

Am Ende dieses Symposiums berichtet Herr Bökem als Betroffener über Rausch und Sucht- eine subjektive Sicht auf Befreiung und Gefängnis. Eindrucksvoll schilderte er seinen Konsum und seine Empfindungen, den Wandel von der belebenden Droge in der Anfangszeit bis zum Leid in der Droge. Seine persönlichen Erfahrungen mit verschiedenen Substituten (Methadon, Buprenorphin, Heroin) waren sicher Vielen im Plenum aus Schilderungen unserer Patienten bekannt. Seine Zielvorstellung, für jeden Patienten individualisiert die persönlich richtige Substanz zur Verfügung stellen zu können, kommt auch medizinischen Gesichtspunkten mehr als nur nah.

Sein Bericht war Ermutigung, den als juristisch richtigen, gesellschaftlich notwendigen und wissenschaftlich bewiesenen Weg weiter zu verfolgen. An dieser Stelle sei ihm unser ausdrücklicher Dank für seinen engagierten und mitreißenden Vortrag gesagt.

Der letzte Kongresstag widmete sich dem differenziellen Einsatz verschiedener Substitute, der psychosozialen Betreuung in der Substitutionsbehandlung sowie der Frage nach dem Umgang mit Doppeldiagnosepatienten. In Deutschland wird mit Methadon (68%), Polamidon (15%), Buprenorphin (16%) und Heroin substituiert (0,5%). Andere Applikationsformen befinden sich z.Zt. in Testungen wie sc. Implantate. Das Ziel ist immer ein geringeres Missbrauchspotential. Qualitätsmerkmale der Substitution sind aber Haltequote, Verringerung des Gebrauchs von gefährdenden Substanzen wie Alkohol und Benzodiazepinen, Verringerung des Risikoverhaltens bezüglich somatischen Zusatzerkrankungen wie HIV und Hepatitis B und C.

Die Unterschiede vom Methadon und Buprenophin in einer Studie in Italien gingen in besonderer Weise auf die Lebensqualität ein.

Die Besonderheit der Doppeldiagnose und deren stationäre Therapie ist in Deutschland zunehmend erkannt. Angst, Depression, Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen werden hauptsächlich diagnostiziert. Heute sind Psychose Patienten mit und ohne Suchterkrankung in den Einrichtungen zusammen in der Therapie.

Es wurde das Berliner Konzept der Psychosozialen Begleitung (PSB) dargestellt, wobei die Einrichtung lieber von Betreuung spricht. Es gibt ein aufeinander abgestimmtes case management mit Notdiensten, medizinischer Erstversorgung, Rückmeldung der Ärzte, Konsensuspapier für PSB. Probleme liegen besonders im Personalschlüssel. Beispiel Niedersachsen ,wo früher 1 Sozialarbeiter 30 Klienten und jetzt 100 zu versorgen hat.

Es fanden insgesamt 18 Arbeitskreise statt mit den Themen Recht, Labor, neue Substanzen, psychische Konzepte, Akupunktur, motivierende Gesprächsführung, Suchttherapie in Europa und Asien und in Haftanstalten. Besonders gut besucht waren die Arbeitskreise „Die Rolle des Narzissmus in der Suchtgenese“ und „Neue Drogen“. Der Vortrag über Cannabis von Herrn F. Grotehermen vermittelte ein umfangreiches Wissen über Wirkweise und legale Anwendung.

Durch die Satellitensymposien konnten die Kenntnisse über Hepatitis C Therapie bei substituierten Patienten vertieft werden. Es finden zunehmend Behandlungen statt, die Leitlinien dazu sind auf der homepage der DGS einsehbar.

Der Arbeitskreis Substitution in der Praxis ging besonders auf die Problematik der Teilnahme am Straßenverkehrs unter Substitution ein.

Zum Schluss sei noch auf den Kongress 2010 hingewiesen: 05.-07.11.2010, Thema ‚Der gedopte Alltag - Leistung und Sucht’.

Programmheft 2009

Abstractband 2009

Vorträge 2009

Medizinischer Einsatz von Cannabis (F. Grotenhermen)
Rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen der Substitutionsbehandlung (G. Jungbluth-Strube)
Das Recht auf Rausch (W. Nešković)
Die heilende Funktion des Rausches (I. Schäfer)
PSB - verbindlich, praktisch, gut: Zumutung, Luxus oder Standard für Substituierte und ihre Ärzte? (B. Westermann)