15. Jahreskongress, 2006

Programmheft 2006

Abstractband 2006

Abstracts

Bonnet, U.: Behandlung Cannabisabhängiger (03.11.06, 14.00-15.15 Uhr)

Auch im deutschsprachigen Raum kommt der Konsum von Cannabis den Verhältnissen in Hochkonsumländern wie Australien und Teilen der USA immer näher. Psychosoziale Folgeschäden haben dazu geführt, dass dort in den letzen 10 Jahren kontrollierte v.a. psychotherapeutische ambulante Behandlungsstudien durchgeführt wurden.

Nach dem Stand dieser Forschung können zur Behandlung cannabisabhängiger Erwachsener Kurzinterventionen empfohlen werden, die eine Kombination aus motivationsverstärkenden und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Elementen sowie individueller Beratung beinhalten. Zur spezifischen Behandlung Jugendlicher können darüber hinaus auch milieu- und familientherapeutische Interventionen empfohlen werden. Die bisher einzige hypothesengeleiteten kontrollierte Studie zur Pharmakotherapie zeigte keine Wirksamkeit der Prüfsubstanz (Valproat). Leider existiert noch keine kontrollierte Behandlungsstudie, die auch Folgestörungen und/oder die z.T. erhebliche psychiatrische Komorbidität (z.B. psychotische Episoden, sog. "amotivationales Syndrom“, kognitive Störungen, Persönlichkeitsstörungen, ADHS, Schizophrenie, andere Abhängigkeitserkrankungen, Affektive Störungen und Angsterkrankungen, soziale Folgeschäden) berücksichtigt hätte. Die Therapieempfehlungen richten sich hier noch weitgehend nach Expertenmeinungen, wie z.B. in der AWMF-Leitline: „Cannabis-bezogene Störungen“ (http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/076-005.htm).

Bonny, K. und  Jungbluth, G.: Workshop: Therapiemöglichkeiten von chronisch mehrfach geschädigten Alkoholkranken (03.11.06, 10.30-12.00 Uhr)

Chronisch mehrfach beeinträchtigte Abhängige sind Patienten, deren chronischer Substanzkonsum zu schweren bzw. fortschreitenden physischen und psychischen Schädigungen führt. Außerdem ist bei dieser Patientengruppe eine überdurchschnittliche bzw. fortschreitende soziale Desintegration deutlich. Vor diesem Hintergrund unterscheidet sich die Behandlung dieser Patientengruppe hinsichtlich der Zielstellung und der therapeutischen Gestaltung teilweise von der Behandlung anderer Suchtpatienten. In der S4-Gruppe auf der Therapiestation der Suchtklinik des Fachkrankenhaus Bernburg werden Alkohol-, Medikamenten- und drogenabhängige Patienten behandelt, bei denen anhaltende psychiatrische, neurologische und internistische Begleit- und Folgeerkrankungen vorliegen und bei denen eine erhebliche Rückfallgefahr besteht. Sie werden in unsere soziotherapeutisch orientierte Gruppe integriert und von einem multiprofessionellen Team betreut. Um die körperliche Stabilisierung und Besserung zu erreichen, wird während der stationären Behandlung die Diagnostik und Therapie sämtlicher Folge- und Begleiterkrankungen gewährleistet.

Die Ziele in der Behandlung von chronisch mehrfach beeinträchtigten Abhängigen unterscheiden sich teilweise von den Zielen anderer Suchtpatienten. Aufgrund der schweren Folgeerkrankungen steht zunächst die Sicherung des Überlebens und die Verhinderung weiterer Folgeschädigungen bzw. die Verschlechterung der Folgeerkrankungen im Vordergrund. Während der Therapie wird für den Patienten eine suchtmittelfreie Umgebung geschaffen, so dass erstmals oder zumindest seit längerer Zeit eine Abstinenzphase oder suchtmittelfreie Periode aufrechterhalten werden kann. Des weiteren wird in den Gruppengesprächen versucht, mit dem Patienten zu erarbeiten, dass der Verzicht auf den Alkohol die gesündeste Lebensform für ihn darstellt und notwendig ist, um nicht weiter unter den schwerwiegenden Folgen des Alkoholkonsums zu leiden. Um die Abstinenz jedoch einhalten zu können, ist es wichtig dem Patienten die Notwendigkeit einer zufriedenen und selbstgestalteten Lebensführung zu erklären.

Um diese Ziele umsetzen zu können, haben sich im Lauf der Zeit verschiedene Therapiebausteine entwickelt. Im Mittelpunkt der Behandlung stehen die Gruppengespräche und das Beüben der kognitiven Fähigkeiten. In den Gruppengesprächen werden verschiedene Themen bearbeitet, die den Patienten zum einen Informationen und Zusammenhänge über ihre Abhängigkeit vermitteln und die sie andererseits dazu befähigen sollen, dass sie eine zufriedene Abstinenz aufrecht erhalten können. Dafür wird mit dem Patienten gemeinsam eine individuelle Nachsorge geplant und es werden Strategien erarbeitet, um einen Rückfall verhindern zu können. Das Beüben der kognitiven Fähigkeiten findet im täglichen „Mentaljogging“ statt und umfasst verschiedene Aufgaben, Arbeitsblätter oder spielerische Übungen. Weitere Therapieelemente setzen sich aus dem Lebenspraktischen Training und der Vermittlung sozialer und medizinischer Informationen zusammen. Außerdem nehmen die Patienten die Angebote der Ergotherapie und Physiotherapie wahr.

In dem Workshop werden die Therapieziele, die sich aufgrund der schwerwiegenden Folgeschädigungen ergeben, erläutert und die daraus resultierenden Behandlungsbausteine vorgestellt, die im Fachkrankenhaus Bernburg die Therapie der chronisch mehrfach beeinträchtigten Abhängigen ausmacht. Dabei wird deutlich, dass sich eine Therapie auch bei schwerstabhängigen Patienten lohnt und welche Erfolge erzielt werden können, wenn die Therapieelemente eng mit der individuellen Planung der Nachsorge gekoppelt werden.

Jellinek, Christian  und von Blanc, Andreas: Suchtpatienten aus der ehemaligen Sowjetunion (04.11.06, 15.00-17.30 Uhr)

  1. evtl. Begrüßungswort der Berliner Ausländerbeauftragten (angefragt)
  2. Bericht aus einer Moskauer Entzugsklinik mit Anmerkungen zu den Besonderheiten russischer Patienten (Dr. med. Brün, Ewgeni Alekseevitsch, Direktor des Forschungszentrums für Suchtmittelprävention, Moskau; Dr. med. Sokoltschik, Elena Igorjevna, Chefärztin des Forschungszentrums für Suchtmittelprävention, Moskau)
  3. Zwei russischstämmige Patienten berichten über ihre Erfahrungen in der Substitutionsbehandlung in Berlin und über die Situation von Suchtpatienten aus der ehem. Sowjetunion
  4. Ambulante Substitutionsbehandlung aus ärztlicher und psycho-sozialer Sicht (Dr. Marlene Ziemer, Suchttherapeutisches Zentrum , CURA GmbH, Edgar Wieler, VISTA)
  5. Patienten in der stationären Entzugsbehandlung (Dr. med. Roman Zakhalev, Warendorf/Nds.)
  6. Vorstellung von Materialien für die Praxis (Broschüren, Internetseiten, Aufklärungsmaterialien u.ä.) (Christian Jellinek, AID-Neukölln, Berlin; Hans-Günter Meyer-Thompson, Ambulanz Altona (Hamburg); dgs-info, Redakteur)
  7. Diskussion über Kooperationen und Netzwerke in Deutschland, weitere Arbeit, zukünftige Treffen und Konferenzen

Anmeldungen bitte an:

MVZ / Suchttherapeutisches Zentrum, Frau Dr.Marlene Ziemer, Email: praxisjuri.gutsche@t-online.de

Für Materialien und Veröffentlichungen auf Russisch über Sucht, Substitution, Begleitkrankheiten, Harm-Reduction, Gesundheitswesen u.ä.: Christian Jellinek, jellinek@aid-neukoelln.de Kontakt zur DGS: Hans-Günter Meyer-Thompson, MeyerThompson@AOL.com Die Veranstaltung wird unterstützt von essex Pharma GmbH, München.

Knorr, Bärbel: Suchtmedizin in Haftanstalten (03.11.06, 10.30-12.30 Uhr)

Im ersten Teil wird Frau Bärbel Knorr über eine Anfrage an alle Justizministerien zur Substitutionspraxis berichten. Damit werden aktuelle Informationen zur jetzigen Situation vorgestellt.

Im zweiten Teil soll je ein Brief (Entwurf) erarbeitet werden, der an alle Leiter von JVA´s und verantwortlichen Ärzte geht. Es werden Bausteine vorgefertigt, Anregungen sind willkommen. Ziel ist es, mehr Suchttherapie in den JVA´s durchzuführen, besonders mehr Methadon Substututionen.


Poster-Abstracts

Hartwig, Christina: Konzeption und Ergebnisse des Bundesdeutschen Modellprojekts zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger - eine multizentrische, randomisierte, kontrollierte Therapiestudie

Einleitung: Die Heroin-gestützte Behandlung gilt nach den Erfahrungen in der Schweiz und in den Niederlanden als effektive Behandlung für Patienten, die nicht ausreichend von der Methadonbehandlung profitieren können. Das Ziel dieses wissenschaftlichem Modellprojekts ist die klinische Prüfung (Zulassungsstudie) heroinhaltiger Medikamente.

Methode: In der multizentrischen, randomisierten, kontrollierten Therapiestudie wurden 1015 Opiatabhängige, unterschieden in Methadonsubstituierte (MS), die derzeit nicht im ausreichendem Maße von der Methadonbehandlung profitieren konnten und Nicht Erreichte (NE), die sich seit einiger Zeit in keiner Suchtbehandlung befinden, eingeschlossen. Die Patienten erhielten über einen Zeitraum von 12 Monaten entweder injizierbares Heroin (N=515) oder orales Methadon (N=500). Neben der Zuteilung zu der Studienmedikation, erfolgte die Zuteilung entweder zu Case Management mit integrierter Motivierender Gesprächsführung oder zu Drogenberatung mit Psychoedukation. Daraus ergab sich ein 4 x 2 Studiendesign. Die Zielkriterien wurden wie folgt formuliert: Verbesserung des körperlichen und psychischen Gesundheitszustandes und eine Reduktion des Beikonsums von illegalen Drogen. Die Auswertung wurde in Form einer Intention to treat (ITT)- Analyse durchgeführt.

Ergebnisse: Nach 12 Monaten konnten Daten für 94,2% der Stichprobe ausgewertet werden. Die Haltequote war höher in der Heroingruppe (67,2%) als in der Methadongruppe (40,0%). Für die beiden Hauptzielkriterien konnte ein signifikant besseres Ergebnis in der Heroingruppe als in der Methadongruppe erreicht werden (Gesundheit: 80,0% versus 74,0%; OR=1,41; 95% KI: 1,05-1,89, p=0,023; Straßenheroin: 69,1% versus 55,2%; OR=1,85, 95% KI: 1,43-2,40, p<0.001). Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Studienmedikation und Schwerwiegenden unerwünschten Ereignis (SUE) wurde häufiger in der Heroingruppe (32,7%, N=58) als in der Methadongruppe (11,1%, N=15) beobachtet.

Schlußfolgerung: Die Heroin-gestützte Behandlung zeigt vielversprechendere Ergebnisse für die Verbesserung des Gesundheitsstatus und den Beigebrauch illegaler Drogen im Vergleich zu der Methadonbehandlung. Trotz eines erhöhten Risikos sollte die Heroin-gestützte Behandlung als eine Behandlungsalternative für schwerstabhängige Opiatabhängige in das Versorgungssystem eingeführt werden.

Hartwig, Christina: Unerwünschte Ereignisse (UEs) und Schwerwiegende Unerwünschte Ereignisse (SUEs) in dem bundesdeutschen Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger

Autoren: Christina Hartwig1, Silke Kuhn1, Ingo Schäfer1, Uwe Verthein1, Christian Haasen1 1) Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg

Hintergrund: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen in der heroingestützten Behandlung wurden sowohl in dem Schweizer, als auch in dem Holländischen Versuch berichtet. In beiden Studien wurde das Augenmerk auf zerebrale Krampfanfälle, sowie in der Schweiz zusätzlich auf allergische Reaktionen gelegt. Das bundesdeutsche Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung wurde gemäß ICH-Kriterien durchgeführt, demnach wurde für alle Ereignisse der Schweregrad, der Zusammenhang mit der Studienmedikation, die Maßnahmen und der Ausgang dokumentiert. Für die statistische Analyse wurde eine Verkodung anhand von ICD-10 Klassifikation vorgenommen.

Ergebnisse: Insgesamt traten in der ersten Studienphase (T0-T12) 7069 UEs und 315 SUEs auf. 57% (n=4001) aller UEs und 57% (n=178) aller SUEs standen nicht in einem kausalen Zusammenhang mit der Prüfmedikation. Ein ursächlicher Zusammenhang (möglich, wahrscheinlich oder sicher) zwischen SUE und Studienmedikation wurde häufiger in der Heroingruppe (32,7%, n=58) als in der Methadongruppe (11,1%, n=15) beobachtet. SUEs mit einem kausalen Zusammenhang wurden häufig auf eine Intoxikation im Rahmen der Grunderkrankung (Opiatabhängigkeit) zurückgeführt. Am häufigsten wurden Atemdepressionen und Epileptische Anfälle beschrieben. Des Weiteren wurden allergische Reaktionen der Haut, wie Quaddelbildung und Juckreiz beobachtet.

Schlußfolgerung: UEs und SUEs traten häufiger in der Heroingruppe auf. Die in der Heroingruppe zu Grunde liegende intravenöse Applikationsform könnte eine wichtige Rolle bei dem vermehrten Auftreten von SUEs gespielt haben. Abgesehen von den Atemdepressionen sind die Ergebnisse des bundesdeutschen Modellprojekts zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger vergleichbar mit denen in dem Holländischen und Schweizer Versuch. Sowohl die Atemdepressionen als auch die zerebralen Krampfanfälle konnten gut behandelt werden, da der Vergabeablauf eine obligatorische Verweildauer von 30 min in der Ambulanz nach der Applikation vorsah.

Hartwig, Christina: Mortalität in dem bundesdeutschen Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger

Autoren: Christina Hartwig1, Uwe Verthein1, Peter Degwitz1, Christian Haasen1 1) Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS), Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg

Hintergrund: Die Gesamtmortalität für Opiatabhängige liegt zwischen 1% und 2%. Es ist jedoch davon auszugehen, dass für eine Gruppe schwerstabhängiger Opiatabhängiger eine höhere Mortalität von 3-4% angenommen werden kann. Die Substitutionsbehandlung spielt eine wichtige Rolle in der Reduktion drogen-assoziierter Mortalität. Dieses wurde im Speziellen für die heroingestützte Behandlung in dem Schweizer und Holländischen Heroinversuch gezeigt.

Methode: In dem bundesdeutschen Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung wurde jeder Todesfall dokumentiert und von den Mitgliedern des Safetyboards gesichtet und bewertet. In dem vorliegenden Poster werden wir die Todesfälle, die in der 1. Studienphase (T0-T12) aufgetreten sind, präsentieren.

Resultate: In der ersten Studienphase wurden 12 Todesfälle registriert. Davon entfielen 5 auf die Heroingruppe und 7 auf die Methadongruppe. Fünf der 12 Patienten verstarben während der Behandlung. Kein Todesfall stand in einem kausalen Zusammenhang mit der Studienmedikation. Betrachtet man die Fälle, die während der Behandlung auftraten, so wird deutlich, dass mehrheitlich der Tod aufgrund von vorliegenden schweren Erkrankungen eintrat. Der letzte erhobene Gesundheitsstatus lag in 5 Fällen deutlich schlechter als das Mittel der Gesamtpatienten.

Schlußfolgerung: In dem bundesdeutschen Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung lag die Mortalitätsrate bei insgesamt 1,2%. Diese kann, insbesondere im Vergleich zur Mortalität bei Opiatabhängigen im allgemeinen, als niedrig angesehen werden. Die Ergebnissen sind außerdem vergleichbar mit denen der Schweizer und Holländischen Studie. Ferner konnten durch dieses Modellprojekt neue Erkenntnisse zum Einfluss von Substitutionsbehandlungen auf die drogen-assoziierte Mortalität gewonnen werden.