14. Jahreskongress, 2005

Programmheft 2005

Abstractband 2005

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Thema des diesjährigen Kongresses „Qualität und Individualität in der Suchtmedizin“ konzentriert sich auf einen neuen Konflikt im beruflichen Alltag:

In welchem Ausmaß muss ich als Arzt evidenz- und konsensusgestützte Richtlinienmedizin bei meinem Patienten durchsetzen, und in welchem Umfang darf ich mit therapeutischen Modifikationen den individuellen Gegebenheiten beim einzelnen Patienten gerecht werden. Dieser Konflikt kann vor allem in den Disziplinen besonders krasse Züge annehmen, in denen – wie in der Suchtmedizin – wenig evidenzbasiertes Wissen vorhanden ist und wo dann ersatzweise Konsensusbeschlüsse von Experten gelten oder aber völlig willkürliche Setzungen der Kostenträger. Das war zuletzt zu beobachten bei der Verkürzung der Zeit für den qualifizierten Entzug auf sieben stationäre Tage.

Im erneuten Versuch einer Kostendämpfung im Gesundheitswesen ist von politischer Seite dieses Mal die Qualitätssicherung als wichtigstes ökonomisches Steuerungsinstument entdeckt worden. Da der Einspardruck das politische Denken vollständig einengt, wird die ökonomische Betrachtung medizinischen Handelns zu einer quasimetaphyischen Heilslehre. Wirtschaftswissenschaftliche Methoden, die sich zum Beispiel bei der Herstellung von Flugzugmotoren bewährt haben, werden kritiklos an den Prozess einer persönlichen Beziehung wie zwischen Arzt und Patient angelegt. Naiv wird hier unterstellt, die Gesetze der automatisierten Fertigung eines technischen Produkts gelten auch für das Produkt Gesundheit, das sich in den Interaktionen zwischen Arzt und Patient verwirklicht.

Die Konzentration des Arztes auf sein alleiniges Subjekt – den Patienten – wird zunehmend aufgeweicht und in Richtung berufsfremde Motive umgeleitet.

Qualität in der medizinischen Behandlung entsteht nur dort, wo auf der Basis der wissenschfftlichen Kenntnisse Raum für therapeutisches Handeln vorhanden bleibt, in dem der Arzt die „objektiven“ Erfordernisse den subjektiven Möglichkeiten des Patienten anpassen kann.

Wo der Begriff „Qualität“ nur als sprachliche Tarnung für Kostenreduktion missbraucht wird und als Nebelkerze den obzönen Primat der Ökonomie verschleiern soll, dort wird der eigentliche Zusammenhang zwischen den Begriffen zuerstört: erst die Individualität der Behandlung erzeugt dei gewünschte Qualität. In der jetzigen Bedeutung stehen sich beide Begriffe als sinnlose Alternative gegenüber. Die notwendige individuelle Handlungsweise des Arztes wird als Hemmnis einer Standadisierung nach ökonomischen Gesichtspunkten aufgefasst und so weitgehend in den Hintergrund gedrängt werden.

Es bleibt den Ärzten nur die Aufgabe Ihre Berufstätigkeit gegen diese Instrumentalisierung zu verteidigen.

J. Gölz, K. Behrendt, M. Backmund