13. Jahreskongress, 2004

Kongresseröffnung

Mit der Pressekonferenz eröffnet der 13. Kongress der DGS e.V. in Berlin

Verein AST e. V. für die Gleichbehandlung von Suchtkranken gegründet 

Die Gründung von AST e.V. läutet die Offensive gegen die gesellschaftliche Diskriminierung suchtkranker Menschen ein.

Berlin, 05.11.2004 - Die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS), Initiatorin der im Juli vorgestellten Aktion AntiSTigma AST, hat am Donnerstag in Berlin den Verein zur Aktion gegründet. AST e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Aktionen und Aufklärung aktiv gegen die gesellschaftliche Diskriminierung Suchtkranker vorzugehen. Sucht wird in unserer Gesellschaft noch nicht als Krankheit verstanden, weshalb Betroffene häufig als Versager abgestempelt und diskriminiert werden. "Der Alltag von Süchtigen ist oft angefüllt mit offenen oder versteckten Diskriminierungen: Bei der Suche nach Ausbildung, Arbeit und Wohnung, im Gesundheitswesen, auf Sozialämtern und den Schaltern der Krankenkassen", beklagt Dr. Jörg Gölz, Berliner Suchtmediziner und stellv. Vorsitzender von AST e.V.

Ziel des Vereins sei es, Betroffenen die Rückeingliederung in ein normales Leben zu erleichtern. "Suchtkranke können sich in den wenigsten Fällen ausschließlich selbst helfen und bedürfen dringend der Unterstützung anderer", so Dr. Markus Backmund, Leiter der Suchtmedizin im Krankenhaus München-Schwabing und Vorstandsmitglied von AST e.V. Der am Donnerstag neu gewählte Vorstand von AST e.V. wurde heute auf der Pressekonferenz des 13. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) in Berlin erstmals vorgestellt.

Dr. ]örg Gölz über die weltweite Stigmatisierung von Drogenkonsumenten:

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben im Augenblick 185.000.000 Konsumenten illegaler Drogen auf der Erde. Sie alle sind in allen Gesellschaften und in allen Staaten stigmatisiert. Das Ausmaß dieser Stigmatisierung variiert erheblich: Der Rahmen erstreckt sich von sozialer Verachtung (Europa, USA) über Lagerhaft und Verfolgung ohne Therapieangebote (Länder der ehemaligen Sowjetunion, islamische Länder) bis zur Hinrichtung für den Tatbestand des Handels mit Drogen (China, Indonesien).

Das von einer aktuellen Norm Abweichende unterliegt immer der Gefahr abgelehnt zu werden. Diese Ablehnung kann sich auf seelische und körperliche Erkrankungen beziehen, kann Armut, Unfruchtbarkeit oder sexuelle Orientierung zum Inhalt haben. Sie kann sich gegen die Zugehörigkeit zu einer Religion, zu einer Rasse oder zu einer Hautfarbe richten. Die für eine Stigmatisierung geeigneten Sachverhalte sind prinzipiell beliebig. Es gibt keine geschichtliche oder regionale Konstanz: Was vor hundert Jahren ein Stigma war, gilt heute als normal, was in der einen Gesellschaft als abstoßend gekennzeichnet ist, genießt in einer anderen Gesellschaft höchste Wertschätzung.

Bei Drogenabhängigen überlagern sich häufig zwei oder mehr Stigmata und schaffen so ein nahezu unüberwindbares Hindernis für soziale Akzeptanz. Als erstes tragen Drogenabhängige das Stigma der Sucht, der fehlenden Selbstkontrolle. Innerhalb der Gruppe der Süchtigen stellen sie eine besonders verachtete Gruppe dar: Sie konsumieren illegale Suchtmittel, sie sind also zusätzlich kriminell. Die Illegalität des Rauschmittels führt zwangsläufig zu weiteren Stigmata: Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung, Prostitution, gefürchtete Infektionserkrankungen. Zusätzlich erschwerend wirkt sich der Umstand aus, dass Drogenabhängige häufig Gruppen angehören, die ein phylogenetisches Stigma aufweisen: zum Beispiel die Afroamerikaner und die Hispanics in den USA, die Nordafrikaner in Frankreich, die russischen Aussiedler in der BRD und viele andere Konstellationen mehr.

Die generelle Tendenz zur Stigmatisierung von Drogenkonsumenten ist eng verbunden mit der Prohibition. Nachdem der Versuch eines Alkoholverbots in den USA wegen schweren gesellschaftsschädigender Folgen abgebrochen werden musste, konzentrierte sich das Prohibitionsbedürfnis des puritanisch-calvinistischen Milieus auf die Bekämpfung aller anderen Rauschmittel. In einer Serie von internationalen Konferenzen zwangen die USA zwischen 1920 und 1971 immer mehr Nationen in internationale Verträge: " to prevent and combat this evil " ( UN Single Convention on Narcotic drugs ,1961). Länder, die wie die Niederlande und die Schweiz vorsichtige Versuche unternahmen, mit der Drogenproblematik nicht prohibitiv sondern akzeptierend umzugehen, sahen sich einer scharfen amerikanischen Missbilligung ausgesetzt.

Verfolgt wurde dabei das Ziel einer drogenfreien Welt. Noch heute versprechen die Vereinten Nationen über ihr Sprachrohr "Office on Drugs and Crime", dass bis zum Jahre 2008 eine drogenfreie Welt verwirklicht sein werde. Das hochgradig Illusionäre dieses Ziels zeigt, dass den Verfolgern die Wirklichkeit vollständig verloren gegangen ist. Der Handel mit illegalen Drogen ist heute einer der größten wirtschaftlichen Geschäftszweige der Welt, mit einem geschätzten Jahresumsatz von 800 Milliarden US Dollar. 185 Millionen Konsumenten stellen eine Nachfragemacht dar, die mit keiner staatlichen Maßnahme aufzulösen sind. Jeder gesellschaftliche Umbruch führt zu einer neuen Großgruppe von Drogenkonsumenten, wie aktuell in den Ländern rund um Afghanistan, in Fernost und in der ehemaligen Sowjetunion zu besichtigen ist.

Dringend gefordert ist also ein Nachdenken darüber, auf welche Weise das nicht mehr zu beseitigende Problem weltweit weniger gesellschaftsschädlich reguliert werden kann.

Da dieser Umdenkprozess nur in langen Zeiträumen vorstellbar ist, bedarf es für die Zwischenzeit einer gezielten Aktivität gegen die Stigmatisierung von Drogenkonsumenten. Das Leben unter stigmatisierenden Bedingungen führt zu Persönlichkeitsentwicklungen, denen zusätzlicher Krankheitswert zukommt. Das Leben unter weitgehendem Ausschluss vom sozialen und medizinischen Hilfesystem führt zu einer grotesken zusätzlichen Belastung mit chronischen körperlichen Erkrankungen. Die explosive Ausweitung der HIV-Infektion und der chronischen Hepatitis-C unter Drogenkonsumenten in der ehemaligen Sowjetunion und in Asien zeigen überdeutlich die dunkle Seite der Prohibition.

Dr. Markus Backmund zur Gründung von AST e.V.:

Egal ob der alkoholabhängige Obdachlose am Bahnhof oder die 18jährige Heroinabhängige, viel zu schnell fällen viele Menschen Urteile über andere, die auf den ersten Blick nicht in das gesellschaftspolitische Raster des "Normalbürgers" passen. Die zahlreich erlebten und tagtäglich wieder zu erlebenden Diskriminierungen, sei es in der eigenen Familie, auf offener Straße oder auch in öffentlichen Institutionen, waren ein Motivationsgrund für die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS), sich für suchtkranke Menschen einzusetzen. Vor zwei Jahren begannen daher die Planungen der DGS für eine Antistigma-Aktion, die Menschen aufrütteln sollte. Vorurteile sollen abgebaut werden, letztendlich soll diese Aktion eine positive Veränderung in Bewusstsein und Verhalten gegenüber dieser sozialen Randgruppe bewirken.

In der Wirtschaft vertritt jedes Unternehmen seine Corporate Identity. Auch die DGS unternahm einen kleinen Schritt hin zu Corporate Design und kreierte für die Antistigma Kampagne ein eigenes Logo - einen AST in Anlehnung an AntiSTigma.

Der Monat Juli dieses Jahres markierte den vorläufigen Höhepunkt in der noch kurzen Geschichte der Aktion AST. Auf dem 5. interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin wurde in München nicht nur die Aktion AST offiziell gestartet, gleichzeitig begannen die Verantwortlichen mit tatkräftiger Unterstützung von Dietrich von Gumppenberg und seinem Team bei wbpr (pro bono) einen Freundeskreis ins Leben zu rufen: Prominente Persönlichkeiten wie die Regisseure Dieter Wedel und Elmar Goerden, Filmproduzent Jürgen Kriwitz, Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld sowie der Musiker Konstantin Wecker sind sofort dem neugegründeten Freundeskreis beigetreten.

Die Mitbegründer der Antistigma-Kampagne entschlossen sich sehr bald, so schnell wie möglich auf die Hilfe der DGS zu verzichten - die Aktion AST solle nicht nur neutral wirken, sondern auch selbstständig wachsen. Am 4. November 2004 wurde aus diesem Grund der Verein AST e.V. gegründet. Dieser will durch eine Vielzahl von Aktivitäten zu einem besseren Verständnis von Sucht beitragen. Der Verein möchte in der Öffentlichkeit nicht nur das Bewusstsein für Risikofaktoren in der Entwicklung von Abhängigkeit schärfen, sondern darüber hinaus auch über die in Zusammenhang mit Sucht auftretenden körperlichen und/oder psychischen Erkrankungen aufklären. AST unterstützt aktiv die Betroffenen, setzt sich für einen verbesserten Zugang zu Behandlung und Therapie ein und wendet sich gegen die Diskriminierung Suchtkranker.

Der Freundeskreis, dem seit seiner Gründung neben prominenten Unterstützern bereits mehr als hundert Journalisten, Mediziner und Privatleute beigetreten sind, soll dabei eine wichtige Rolle spielen und kontinuierlich ausgebaut werden. Inzwischen konnten prominente sowie zahlreiche Privatleute als Unterstützer von AST e.V. gewonnen werden. Der Freundeskreis wendet sich öffentlich gegen Ablehnung, Missachtung und Ausgrenzung von suchtkranken Menschen. Jeder Interessierte kann Mitglied werden. Als Zeichen der Solidarität hat der Bildhauer Klaus Backmund einen goldenen Ast für die Aktion als Anstecker entworfen, der analog zur roten Aids-Schleife die Solidarität mit Suchtkranken demonstriert.

Spendenkonto zur Unterstützung von AST e.V.:

HypoVereinsbank BLZ 700 202 70,

Kontonummer 658771809

Der Beitrag von Dr. Jörg Gölz, dem 1. Vorsitzenden der DGS, fand begeisterten An­klang. Aus dem Grunde kön­nen Sie diesen Vortrag als .pdf Datei (4 mb) hier herunterladen:

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